Universität Passau
Lehrstuhl für Soziologie
Dipl. Theologe A. Stark
Die Erziehung und die Schulen der Römer
Hausarbeit im Proseminar Soziologie der Schule im Wintersemester 1996/1997
eingereicht am: 30.04.1997
eingereicht von: Christian Steck, #22383
Schillerstr. 10
94032 Passau
Gliederung
1. Altrömische Erziehung
2. Hellensierung Roms
3. Römische Schulen
3.1. Zeitliche Einordung der Entstehung lateinischer Schulen
3.2. Elementarschule
3.3. höhere Schule
3.4. Hochschule
4. Zusammenfassung
Altrömische Erziehung
Die römische Erziehung und Bildung läßt sich in die altrömische und in die klassisch römische Erziehung gliedern. Altrömisch meint die Zeit von der Mitte des 7. Jahrhunderts vor Christus bis zum Ende der punischen Kriege Mitte des 2. Jahrhunderts, also bis zur Ausdehnung der römischen Macht über den westlichen Mittelmeerraums.
Ende des 6. Jahrhunderts waren die Römer ein Bauernvolk, dessen Bildung vom Landadel bestimmt war. Die Erziehung war deshalb vor allem auf die praktischen Erfordernisse des bäuerlichen Lebens ausgerichtet. Den Rahmen bildete dabei die römische Familie, in der das Kind aufwachsen und ausgebildet werden sollte. Die Familienerziehung war dementsprechend nicht die Aufgabe einer Sklavin oder eines Sklaven, sondern oblag den Eltern. Die Mutter zog die Kinder bis zum Alter von sieben Jahren selbst auf; nur wenn die Mutter ihrer Rolle nicht genügen konnte, übernahm eine ältere Verwandte diese Aufgabe. Mit sieben Jahren entzog man den Jungen der ausschließlich mütterlichen Fürsorge, die Erziehung ging auf den Vater über. Der pater familias lehrte seinen Söhnen hauptsächlich praktische Dinge, die wichtig im Leben eines römischen Bauern waren, wie z.B. die Bestellung der Äcker oder die Organisation der Landwirtschaft. Daneben gab er auch den Erstunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Das wesentliche Ziel häuslicher Erziehung war es die grundsätzlichen sittlich-moralischen Werte der Altrömer zu vermitteln, die da waren Gehorsam, Bescheidenheit, Beständigkeit, Disziplin und Tapferkeit. Wissenschaftliche Bildung trat naturgemäß völlig in den Hintergrund. Mit etwa sechzehn Jahren wurde der junge Römer in die Bürgerliste eingetragen, womit die Erziehung innerhalb der Familie endete.
In der späteren Zeit der Republik, also zirka ab 510, schob man vor dem Militärdienst noch das tirocinium fori, das politische Lehrjahr, ein. Bis auf wenige Ausnahmen mußte der Junge nun einem angesehenem Freund, meist einem Politiker dienen, welcher den neuen Bürger in die Grundlagen des römischen Rechts, des Regierens und der Rhetorik einführte. Dieser Ausbildungsgang stand nur den Söhnen gesellschaftlich einflußreicher Familien offen.
Obwohl die Familienerziehung dominierte gab es vermutlich schon im 4. Jahrhundert Elementarschulen - meist Privatunternehmen ehemaliger Sklaven, - die allerdings nur eine geringe Rolle im Schreib- und Rechenunterricht spielten.
Im Verlauf der drei Punischen Kriege (264–241, 218–201, 149–146) stieg Rom zur bestimmenden Macht im westlichen Mittelmeer auf. Das römische Reich vollzog den Wandel von einem Bauernstaat zu einem Handels- und Weltstaat. Die alte römische Kultur ging in eine neue, "hellenistisch-römische" auf. Der Zeitkritiker Horaz schrieb dazu: "Das besiegte Griechenland hat seinen wilden Sieger seinerseits besiegt und dem barbarischen Latium die Kultur gebracht." Auf keinem Gebiet als auf dem der geistigen Bildung und Erziehung ist die Wirkung des Hellenismus für Rom bedeutender. Im 2. Jahrhundert hatte die griechische Sprache schon so an Bedeutung gewonnen, daß sie zur Sprache des Handels und der internationalen Diplomatie wurde. Die wohlhabenden Römer begeisterten sich für die hellenistische Kultur und Bildung und wollten folglich ihren Kindern die beste griechische Ausbildung zukommen lassen. Zu diesem Zweck wurden griechische Gebildete, meist Sklaven oder Freigelassene als Privatlehrer ins Land geholt. Der griechische Einfluß ging jedoch noch wesentlich weiter: das Schulwesen wurde allmählich nach dem hellenistischen Muster ausgerichtet.
Das neue Schulsystem gliedert sich wie das griechische in drei aufeinanderfolgende Schultypen mit drei fachlich verschieden ausgebildeten Lehrern: mit etwa sieben Jahren besucht das Kind die Elementarschule, die es mit elf oder zwölf verläßt, um in die höhere Schule zu gehen. Im Alter von 15 oder 16 Jahren beginnt das Hochschulstudium, welches ungefähr mit 20 Jahren endet.
Während es Elementarschulen schon zur frührömischen Zeit gab erschienen höhere Schulen erst viel später in der Mitte des 3. Jahrhunderts. Der höhere Unterricht der Griechen beruhte vor allem auf der Interpretation großer Dichter wie Homer. Den Römern fehlte es aber weitgehend an lateinischer Literatur bis Livius die Odyssee und andere Nachdichtung griechische Tragödien und Komödien ins Lateinische übertrug. Der andere Teil der höheren Unterrichts, das theoretische Sprachstudium wurde erst im 1. Jahrhundert bekannt, als Varro die ersten grammatikalischen Studien veröffentlichte.
Das Hochschulstudium, im wesentlichen die Lehre von der Rhetorik, tauchte ebenfalls im 1. Jahrhundert auf. Laut Cicero eröffnete Plotius Gallus 93 die erste Schule, in der die Redekunst ausschließlich in lateinischer Sprache unterrichtet wurde. Später, zur Zeit des Augustus, war lateinischer Rhetorikunterricht die Regel.
Dieser Schultyp wurde ludus litterarius genannt, der Schulmeister ludi magister oder litterator. Meist fand der Unterricht, prima litteratura, in einer offenen Halle, pergula, statt oder - sofern möglich - in einer Säulenhalle des Forums. Die Geräusche der Straße wurden nur durch einen Vorhang abgeschirmt. "Die Schüler saßen auf Bänken und schrieben auf Wachstafeln, die auf ihren Knien lagen. Der Lehrer saß auf einem erhöhten Podest." Teilweise stand ihm ein Hilfslehrer, hypodidascalos, zur Seite.
Das soziale Ansehen sowie die Bezahlung des Schulmeisters war gering. Die Lage besserte sich erst 301 nach Christus erheblich als Diocletian den Lohn auf 50 Denare je Schüler und Monat festsetzte. Diese Summe entsprach etwa dem Gehalt eines Handwerkers. Dem niedrigen Sozialprestige und Salär entsprechend rekrutierte sich der Berufstand hauptsächlich aus Sklaven und Freigelassenen. Wohlhabende Familien leisteten sich gute Privatlehrer, deren Verdienst ungleich höher war.
Der Unterricht begannt am frühen Morgen und endete am Nachmittag. Sportliche Übungen leisteten die jungen Römer im Gegensatz zu den Griechen im Rahmen des Schulunterrichts nicht ab.
Die Lernziele der Grundschule beschränkten sich auf das Lesen, Schreiben und einfache Rechenaufgaben. Zunächst mußten die Schüler die Buchstabennamen verinnerlichen, noch bevor sie wußten, wie diese aussahen. Dann wurde das Alphabet von A-X, hernach rückwärts von X-A und schließlich Silben gelernt. Zuletzt - nachdem alle Silben und deren sämtliche Verbindungen eingeübt worden waren - ging man zu Wörtern über, wobei man mit einsilbigen begann. Nur Kinder, die genug Übung im Schreiben und Lesen einzelner Wörter hatten, duften kleine Sätze lesen, moralische Maxime von ein oder zwei Versen. Erstlese und -schreibunterricht waren miteinander verbunden, wobei man abwechselnd zwei Methoden verwendete. Bei der einen führte der Lehrer die Hand des Schülers, bei der anderen verwendete man mit Wachs überzogene Täfelchen mit eingetieften Buchstaben. Das Kind ritzte dann die durchscheinenden Furchen nach. Später mußte es mit der Rohrfeder und Tinte oder mit dem Griffel auf Wachs Sätze abschreiben.
Neben dem Lesen und Schreiben erlernten die jungen Römer auch in bescheidenem Niveau Rechnen. Der Rechenunterricht wurde jedoch nicht vom ludi magister, sondern von einem Fachlehrer, dem calculator, durchgeführt. Zuerst mußten die Schüler mit Hilfe der Finger zählen lernen und später einfachste Additionen und Multiplikationen durchführen. Da das römische Zahlensystem alle Zahlenwerte nur mit den sieben Buchstaben I,V,X,L,C,D und M darstellt und jede Zwölfer-Bruchzahlen eine Bezeichnungen hat, ist es schwerer zu lernen als das arabische. Horaz beschrieb eine Mathematikstunde so: "Die kleinen Römer lernen es, durch langes Rechnen die Einheit durch hundert zu teilen. 'Antworte, Sohn des Albinus! Wen man von 5/12 1/12 wegnimmt, was bleibt dann übrig? Los! Auf was wartest Du, um zu antworten? - 1/3 - Gut. Du wirst Deine Pfennige verteidigen können! Wenn man (dagegen) 1/12 hinzufügt, was macht das - 1/2!' "
Schüleraktivität war in der römischen Pädagogik nicht gefragt, vielmehr mußten die Schulkinder eine passive Haltung einnehmen; Lernen durch Nachahmung war die Regel. Dementsprechend wurden die Pennäler extrinsisch motiviert durch Verweise und körperliche Züchtigung. So gehörten sowohl die Peitsche, scutica, wie auch der Rohrstock, ferula, zur Standardausstattung der Klassenräume und wurden anscheinend auch ausgiebig genutzt. Denn "die Hand für die Peitsche hinhalten" war eine umgangssprachliche Umschreibung für "zur Schule gehen." Bisweilen wurde die Prügelstrafe in eine Zeremonie eingebettet: Der Schuldige wurde auf die Schulter eines Mitschülers gehoben und dann vom Lehrer oder seinem Gehilfen ausgepeitscht.
Abbildung 1: Schulszene aus dem Forum von Pompeii: ein Schüler wird vom Lehrer ausgepeitscht.
Schon im ersten Jahrhundert des Kaiserreichs zweifelte einige Intelektuelle am Sinn der körperlichen Züchtigung. Quintilian, einer der berühmtesten Lehrer seiner Zeit, schrieb in seinem Werk über die Erziehung namens Institutio Oratoria: "Man muß sich vor allem davor hüten, daß das Kind, das das Lernen noch nicht schätzen kann anfängt, es zu hassen [...]. Das Lernen muß ihm Spiel sein, es muß gefragt und gelobt werden und sich immer darüber freuen, etwas gewußt zu haben. Wenn es einmal nicht lernen will, muß man ein anderes Kind unterrichten, auf das es neidisch wird [...]. Es soll auch durch Belohnung, die zu seinem Alter passen, angestachelt werden." und weiter "Den Schüler zu schlagen, lehne ich ab. [...] Wenn die Kinder geschlagen werden, können Schmerz und Angst oft Folgen haben, über die man nicht gerne spricht, und die zur Scheuheit führen, die das Kind entmutigt und bedrückt." Quintilians Erkenntnisse wurden jedoch größtenteils von seinen sehr strengen zeitgenössischen Lehrerkollegen ignoriert, die weiterhin versuchten, ihre Autorität durch körperliche Züchtigung zu stützen.
Exkurs: der paedagogus
Auf der Straße und in der Schule lauerten moralische Gefahren. Deshalb hatten die Römer den griechischen Brauch des begleitenden Sklaven übernommen der - an das griechische Wort paidagogos angelehnt - paedagogus genannt wurde und das Kind zur Schule führen mußte. Außerdem unterstützte er die Eltern bei der moralisch-sittlichen Erziehung. Von gebildeten Pädagogen wurde zudem erwartet, daß er die Lernfortschritte des Zöglings überwachte und den Lernstoff wiederholte. Die Methoden der Pädagogen ähnelte denen der Schulmeister, wie Libanios in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts schilderte: "Was der Junge beim Lehrer lernt, muß der Pädagoge ihm einprägen, indem er ihn drängt, anschreit, den Riemen herausholt, den Stock anwendet, ihn zur Arbeit zwingt und ihm so die gehörte Lektion ins Gedächtnis einprägt."
Nicht alle Schüler besuchten weiterführende Schulen, entweder weil die finanziellen Mittel des Elternhauses nicht ausreichend waren oder aber der praktische Wert einer höheren Bildung mißachtet wurde. Petronius faßte diese Geringschätzung in seinen römischen Satiren so zusammen: "Ich habe solches Zeug wie Geometrie, Philologie, und dumme Menis-Gedichte nicht gelernt, aber die großen Buchstaben auf Steinen kann ich lesen und auch dividieren mit Hundert bei Maßen, Gewichten und Geld." Für die jungen Römer der Oberschicht reichte die Elementarbildung jedoch bei weitem nicht aus. Deshalb schickten angesehenen Familien ihre Kinder, Jungen wie Mädchen, auf die höhere Schule oder ließen die Zöglinge zu Hause von einem guten Privatlehrer unterrichten.
Der Lehrer der höheren Schule, der grammaticus, genoß ein höheres Prestige und wurde erheblich besser bezahlt als der Elementarschullehrer. Trotzdem war der Lohn eines Grammatikers in der Regel gering. Dies war sicherlich ein Grund für die meist niedrige soziale Herkunft der Lehrer. Die höhere Schule war zwar besser mit Landkarten und Dichterbüsten ausgestattet als die Elementarschule, fand jedoch auch ein einem Laden des Forums statt.
Der grammaticus betrieb, angelehnt an die griechische Tradition, ausschließlich lateinischen und griechischen Sprachunterricht. Sowohl naturwissenschaftliche als auch musische Bildung gehörte nicht zum Allgemeinwissen. Auch sportliche Betätigung stand nicht auf Lehrplan. Hier unterscheidet sich die römische Erziehung von der hellenistischen. Denn die körperliche Ausbildung, der "Schulsport", nahm bei den Griechen einen außerordentlich großen Stellenwert ein. Dies galt auch für die künstlerische und musische Erziehung. Hingegen fand die musische Ausbildung bei den Römern wenig Achtung, selbst Quintilian sah in ihr nur eine Hilfe zum Verständnis des Metrums.
Der Lehrer der höheren Schule lehrte zum einen die Grammatik insbesondere die Deklination und zum anderen die Interpretation der Werke der großen Dichter, wobei wie folgt vorgegangen wurde: Die Texte wurden erst vom grammaticus vorgelesen und genau analysiert und zwar bezüglich ihrer Idiomaitik, Silbenmaßes und Syntax. Dann mußten die Schüler die Rede laut und ausdrucksvoll lesen, dann rezitieren und schließlich grammatikalisch analysieren. Dabei wurde die einzelnen Verse ausführlichst in einem straff geführten Lehrer-Schüler-Gespräch skandiert.
Diejenigen jungen Römer die eine Laufbahn im Staatsdienst anstrebten wechselten im Alter von 16 oder 17 Jahren von der Schule des grammaticus auf die des rhetors, der teilweise auch orator genannt wurde. Obwohl sein Beruf ein weit höheres Ansehen genoß als der seiner "niedrigeren" Lehrerkollegen war seine Bezahlung im Regelfall mäßig. Allerdings bekleideten einige Hochschullehrer dank ihrer literarischen, politischen oder verwaltungstechnischen Kenntnisse hohe Staatsämter. Der rhetor latinus unterrichtete in Versammlungsräumen, die sich meist hinter den Säulengängen der Foren befanden.
Der Hochschulunterricht beschränkte sich - nach griechischem Vorbild - im wesentlichen auf die Lehre der Rhetorik und des Rechts. Die naturwissenschaftliche Ausbildung spielte nur eine Nebenrolle, obzwar es im römischen Reich und Musik- Mathematiklehrer gab. Allerdings interessierte sich nur eine geringe Schülerzahl ihren Unterricht.
Der Kunst der Rhetorik wurde von den Griechen erfunden und immer weiter verfeinert. Die Römer bauten ihre Rhetorik gänzlich auf der griechischen auf. Ab dem 1. Jahrhundert begannen die Rhetoren griechische Redner Wort für Wort ins Lateinische zu übertragen. Der griechische Ursprung spiegelt sich auch darin nieder, daß sich bei den Schriftstellern Quintilan und Cicero viele originär griechische Ausdrücke finden.
Nicht nur die Theorie sondern auch die Unterrichtspraxis war exakt dem griechischen Vorbild nachempfunden. Zuerst mußten die Schüler eine Vielzahl vorgegeber Reden einüben, dann erst durften sie selbst erfundene Reden über ein vom Lehrer gestelltes Thema niederschreiben und schließlich auch auswendig wiedergeben. Beim diesem öffentlichen Vortrag waren neben den Mitschülern sowohl die Eltern als auch die Freunde des jungen Redners anwesend.
Die Römer unterschieden zwei Redegattungen: die ratende Rede, Suasorie, und die Streitrede, Kontroverse. Bei der Streitrede ging es darum ein Plädoyer für oder gegen einen Angeklagten zu halten. Dabei bewegten sich die Aufgabenstellungen bewegten abseits der alltäglichen (juristischen) Probleme, wie zwei Beispiele verdeutlichen sollen:
"Man nehme an, es gibt ein Gesetz, welches bestimmt, daß eine Priesterin keusch und rein [...] sein soll. Eine Jungfrau, von Seeräubern geraubt, wird an einen Zuhälter verkauft, der sie der Prostitution ausliefert. Sie verlangt von den Kunden, die sich einstellen, ihr Lohn zu bezahlen ohne sie zu berühren. Ein Soldat weigert sich, ihr diese Gunst zu gewähren und will sie vergewaltigen. Sie tötet ihn. Sie wird angeklagt, freigesprochen und ihren Angehörigen zurückgegeben. Sie bewirbt sich um eine Stelle als Priesterin. Rede für oder gegen!"
"Als Gesetz sei folgendes anzunehmen: eine verführte Frau hat zwischen der Todesstrafe für ihren Verführer und der Heirat mit ihm ohne Mitgift zu wählen. Ein Mann tut in derselben Nacht zwei Frauen Gewalt an. Die eine verlangt den Tot, die andere will ihn heiraten."
Der Rhetorikunterricht hatte dennoch eine praktische Berechtigung denn er bereitete die jungen Römer in der Regel für die sehr gefragte juristische Laufbahn vor. Die Rechtswissenschaft wie auch "der Mann der das Recht kennt", der iuris prudens, sind römische Schöpfungen, weshalb der juristische Unterricht der einzige wesentliche Bereich der römische Bildung ist, welcher nicht direkt an die griechische angelehnt ist.
Der Lehrer des Rechts, der magister iusus, bereitete seine Schüler in der Regel in vier Jahren auf die Anwaltslaufbahn vor. Im zweiten Jahrhunderts nach Christus entstanden juristische Beratungsbüros, die mit heutigen Anwaltskanzleien verglichen werden können, die gleichzeitig die Funktion öffentlicher Rechtsschulen, stationes ius publice docentium aut respondentium, erfüllten. Diese Schulen befanden sich in den Tempelbezirken, um die Hilfsquellen der Fachbibliotheken nutzen zu können.
ZusammenfassungIm Mittelpunkt der altrömische Erziehung stand die Familie. Der junge Römer lernte von seinen Eltern alle notwendigen praktischen Fähigkeiten, wie z.B. die Bestellung der Felder. Gleichzeitig sollten die Kinder im Rahmen der Familienerziehung die wesentlichen moralische-sittlichen Werte wie z.B. Gehorsam, Ehrfurcht und Disziplin vermittelt bekommen. Mit der Ausdehung der Macht über den Mittelmeerraum ging die Hellenisierung Roms einher, d.h. die Römer übernahmen zentrale Elemente der griechischen Kultur und mit ihr auch deren Bildung und Erziehung. An das Vorbild der Griechen angelehnt bauten die Römer allmählich ein Schulsystem mit drei aufeinander folgenden Schultypen auf. Die Familienerziehung wurde zugunsten der verschulten Bildung in den Hintergrund gedrängt; der Staat gewann zunehmenden Einfluß auf die Erziehung und Bildung. In der Elementarschule erlernten die Schüler das Lesen und Schreiben und einfache Rechenoperationen, in der dann folgenden höheren Schule des grammaticus nahm die Vermittlung der Grammatik und die Analyse der Werke bedeutender Dichter die zentrale Stellung ein. Der Hochschulunterricht diente in der Regel der Vorbereitung für eine juristische Laufbahn und bestand im wesentlichen aus der Lehre der Rhetorik und des Rechts.
Das "römisch-hellenistische" Schulsystem wirkt bis in die heutige Zeit nach. Denn die Römer übertrugen es weitgehend in die von ihnen eroberten Provinzen, so daß einige Grundzüge, z.B. die Schultypen (Grundschule, höhere Schule und Hochschule) und die staatliche Organisation des Schulwesens in der gegenwärtigen europäischen Schulwelt verankert sind.
Literaturangaben:
Bonner S. F., Education in ancient Rome, London 1977
Castle E. B., Die Erziehung in der Antike, Stuttgart 1965
Hörburger F., Geschichte der Erziehung und des Unterrichts, Wien 1967
Krause J.H., Geschichte der Erziehung, des Unterrichts und der Bildung bei den Griechen, Etruskern und Römern, Schaan/Liechtenstein 1982, unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1951, S. 285
Marrou H-I., Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, Freiburg/München 1957